Lebens-Impulse

Vom Beziehungskonto: Kredite ohne Schulden

Prof. Dr. Christian Zielke

 

Vom persönlichen Beziehungs-Konto

(Roman-Auszug)

 

Der Schiffsjunge zögerte. Nach der Unterhaltung mit dem Bankier war er unsicher, ob er jetzt noch Geld von der Bank erhalten würde. „Na los!“ flüsterte ihm der Geschäftsmann zu. „Wie willst du sonst deine Schulden vom Spielkasino begleichen? – Und die Hochzeit mit Beate kannst du dann auch vergessen!“

„Ich trau mich nicht“, gestand der Junge und fragte sich, wie er sich so schnell zu einem Sklaven des Geldes machen konnte.

„Na gut, dann werde ich das für Dich regeln“. Der Geschäftsmann schaute den Bankier bewundernd an. „Sie haben mich überzeugt. Ich werde meine Investitionen noch einmal überdenken. – Doch der junge Mann, der neben mir steht, benötigt etwas Geld.“

Kredit ohne Schulden

Der Bankier staunte. „Ein Schiffsjunge möchte Geld haben? Bist du denn überhaupt kreditwürdig?“ Der Junge schaute verlegen zu Boden und schwieg.

„Was verstehen Sie unter kreditwürdig?“ fragte ihn Geschäftsmann. „Hier ist man nur kreditwürdig, wenn man einen Bürgen stellen kann und keine Schulden hat.“ – „Der Bürge bin ich“, sagte der Geschäftsmann entschlossen. „Und was ist mit den Schulden?“ erkundigte sich der Bankier. „In der Bank des Lebens erhält man nur Kredit, wenn man keinem Menschen etwas schuldig geblieben ist.“

Das Beziehungs-Konto

„Keinem Menschen etwas schuldig bleiben?“ fragte der Geschäftsmann. „Wie ist denn das zu verstehen?“

Der Bankier wurde ernst. „Ich habe gehört, eine Schiffsjunge hätte sich verbotener Weise in das Spielkasino geschmuggelt und dort viel Geld verloren.“  Der Bankier schaute auf den Jungen. „Tut mir leid. Die Bank kann dir keinen Kredit geben. Es sei denn, du hast etwas auf dein Beziehungskonto eingezahlt.“

„Mein Beziehungskonto?“ fragte der Junge. „Ja, Dein Beziehungskonto. Was hast du dort eingezahlt? Wo hast du abgebucht, genommen ohne vorher bezahlt zu haben? Wo bist du einem anderen etwas schuldig geblieben – ohne Dank? - Dankbarkeit gehört zu den Schulden, die jeder Mensch hat, aber nur die wenigsten tragen sie ab.“

Talente – die neue Währung

Der Schiffsjunge überlegte, wie er seine Beziehung zu den Menschen bisher gestaltet hatte. Was war mit seinen Eltern und Freunden, die er im alten Land zurück ließ? War er dem Kapitän etwas schuldig geblieben, der ihn als Schiffjunge aufgenommen hatte?

Doch bevor er eine Antwort fand, machte der Geschäftsmann dem Bankier einen Vorschlag. „Wie wäre es, wenn ich mein Geld in die Talente des jungen Schiffsburschen investiere?“ – Der Bankier nickte erfreut. „Eine gute Entscheidung. Die Bank des Lebens gewährt nämlich keinen Kredit in Geld, sondern nur in Form von Talenten, die dem Menschen geliehen werden, um sie zum Wohl anderer einzusetzen“

Der Schiffsjunge atmete erleichtert auf. Eine große Last fiel von seinen Schultern. Vielleicht konnte er Beate doch noch heiraten. – „Freu dich nicht zu früh“, mahnte der Bankier. „In deinem Fall musst du erst einmal herausfinden, wo deine Talente liegen und was deine Bestimmung im Leben ist.“

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