Lebens-Impulse

Was ist die Schule des Lebens?

Prof. Dr. Christian Zielke

 

Von einer ganz besonderen Lebens-Schule

(Roman-Auszug)

 

„Menschen brauchen hier nichts zu lernen“ stand auf dem Eingangsschild an der Schule des Lebens. – „Warum?“ fragte der Schiffsjunge erstaunt. „Weil die Menschen sehend geboren wurden“, erklärte ihm eine Stimme hinter der verschlossenen Tür. „Sie sollten nur vor Lehrern geschützt werden, die sie blind machen.“

Diese Antworte hatte er nicht erwartet. Dies muss eine besondere Schule sein, dachte er. Die Tür öffnete sich. Eine junge Frau begrüßte ihn. „Ich öffne dir die Tür zur Schule des Lebens, aber betreten musst du sie selbst.“

Ist Dein Verstand leer?

Der Junge zögerte. So etwas hatte er in seinem Leben noch nicht erlebt: eine Schule, die man nur freiwillig kann. Er wurde skeptisch. „Kannst Du mir was lehren?“ fragte er. „Es kommt darauf an.“ – „Worauf?“

Die Lehrerin bat ihn vorsichtig ins Vorzimmer einzutreten. „Ich sehe, Du bist hier noch nicht wirklich mit Deinem Geist angekommen.“ Der Junge wusste nicht so recht, wie er dies verstehen sollte. Die Lehrerin überreichte ihm eine Tasse Tee. „Dein Verstand ist wie diese Tasse hier“ erklärte sie: „überfüllt mit Fragen. Selbst wenn ich dir Antworten geben würde, hätten sie gar keinen Platz mehr in deinem Kopf. Ein volles Gefäß kann ich nicht füllen. Erst wenn dein Geist leer ist, ist er bereit für Neues.“

„Was soll ich tun?“ fragte der Schiffsjunge neugierig. „Leere deine Tasse. Und betrete den Klassenraum erst, wenn Platz in dir ist. In der Schule des Lebens ist der Lehrer nur dann da, wenn der Schüler dafür bereit ist.“

Die Lebens-Schule

Der Junge schaute sich vorsichtig um. Was verbarg sich hinter dieser Schule des Lebens? Die Tür zum Klassenraum war ein wenig geöffnet. Sein Blick schweifte durch den kleine Türspalt auf die grüne Tafel, auf der eine Formel stand: „Teilen bedeutet nicht halbieren, sondern verdoppeln.“

„Dies ist eine besondere Schule“, sagte die Lehrerin. „In der gewöhnlichen Schule lernt man den Lebensunterhalt zu verdienen. In dieser Schule hier lernst du, was für ein erfülltes Leben wichtig sein kann.“

Lernfächer für ein erfülltes Leben

„Wahrscheinlich gibt es in dieser Schule auch besondere Fächer?“ erkundigte sich der Schiffsjunge. „Natürlich“ bestätigte die Lehrerin. „Du kannst dir die Fächer aussuchen, die dir am meisten Spaß bereiten: Liebe, Humor und Sinnlichkeit – aber auch Glaube, Freude und Dankbarkeit.“

Der Junge hörte aufmerksam zu. „Mit dem Tode umzugehen, ist die Schule des Glaubens“, erklärte die Lehrerin. „Die Kunst zu trösten, lernt man in der Schule des Leidens. Und praktische Weisheiten kann nur durch die Schule der Erfahrungen gelernt werden. Im Theater lernen wir die Schule des Lachens und des Weinens. Eines der schwierigsten Fächer in der Schule der Liebe ist das Loslassen-Lernen.“

Jeder Lehrer ist ein Schüler

Der Junge staunte. „Sind die Lehrer hier andere als in der gewöhnlichen Schule?“ – „Ja“, sagte die Lehrerin begeistert. „Es gibt hier keinen Lehrer, der nicht auch Schüler ist. Schließlich sind wir alle Schüler in der Schule des Lebens. Und in jedem Schüler steckt ein Lehrer, den wir zu entdecken suchen.

Und außerdem gibt es in dieser Schule eine Verpflichtung für die Lehrer. Schau mal hier!“ – Die Lehrerin holte ein rotes Notizbuch hervor. Sie blätterte nach vorne zur ersten Seite. – „Hier ist der Leitsatz, nach dem wir uns richten: ein rechter Meister zieht keine Schüler nach sich, sondern nur Meister!

Lehrer als Künstler

Die Lehrer in den gewöhnlichen Schulen sind Handwerker: sie vermitteln nur Kenntnisse – die Lehrer hier sind Künstler, sie bilden den Charakter!“

„Ist das schwer?“ – „Nein. Hier ist es leicht ein Lehrer zu sein. Die Schüler haben es da schon schwerer.“ – „Warum?“ – Die Lehrerin zeigte dem Jungen ein Hausarbeiten-Buch: hier stand auf jedem Blatt ganz oben: „Armselig der Schüler, den seinen Meister nicht übertrifft!“

Die täglichen Schulaufgaben

„Die Schüler bekommen hier also auch Hausarbeiten?“ stellte der Junge fest. – „Natürlich“ bestätigte die Lehrerin. „Doch jeder Schüler bekommt seine eigenen Aufgaben, die in seiner Situation momentan wichtig sind.“ – „Wie soll ich das verstehen?“ fragte er neugierig.

„Manche müssen lernen, dass sie es nicht erzwingen können, dass jemand sie liebt. Einige sollten sich darin üben, es zuzulassen, geliebt zu werden. Andere lernen zu erfahren, dass es nicht reicht, einander zu vergeben – sie müssen sich auch selbst vergeben können. Manche sollten wissen, dass es Menschen gibt, die sie von Herzen lieben, aber nicht wissen, wie sie ihre Gefühle ausdrücken.“

„Das sind schwierige Aufgaben“, bemerkte der Junge nachdenklich.  „Ja, es sind die Schularbeiten des Lebens“, bestätigte sie. „Aber nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrer bekommen eine Hausarbeit. Täglich die gleiche Aufgabe, nämlich aus jedem Tag das Beste zu machen.“

Besondere Schulbücher

Der Junge lachte. Dies gefiel ihm. Neugierig schaute er sich um. „Gibt es hier auch Bücher?“ - „Nur sehr wenige“, sagte die Lehrerin. „Die Bücher stehen alle in der Ecke dort drüben.“ Sie deutete auf das Schild: Witze-Ecke.

„Humorvolle Menschen haben es leichter im Leben“, erklärte sie. „Sie haben einen unerschöpflichen Vorrat an Freude in sich. – Wenn ein Schüler seine Lebensfreude verloren hat, muss er nachsitze“. Denn jede Minute, die man lacht, verkürzt das Leben um eine Stunde.“

Die Mathematik des Lebens

Der Junge schaut noch einmal auf die Tafel mit der Rechenformel: Teilen bedeutet nicht halbieren, sondern verdoppeln. – „Kannst Du mir das Rechnen beibringen?“

„Gerne. Mathematik ist im Leben sehr wichtig. Die meisten Menschen rechnen nämlich zu wenig damit, dass ihre Tage gezählt sind. Zählen und Rechnen ist der Grund aller Ordnung im Kopf. Doch so einfach ist das in der Schule des Lebens nicht.“ – „Warum?“

„Mit etwas rechnen und eins und eins zusammenzuzählen, sind oft sehr unterschiedliche Dinge“, erklärte sie. „Im Rechnen stehen die Nullen hinter, im Leben meist oben an.

 Der Junge lachte. – „Und bei jenen, auf die man nicht zählen kann, muss man mit allem rechnen.“ – „Hm“, dachte der Junge. Das war ein bisschen schnell für ihn. Um ihn ganz zu verwirren, fuhr die Lehrerin fort: „Bei jenen, auf die man nicht zählen kann, muss man mit allem rechnen.“ – Nun wird es kompliziert, dachte er.

Die Lehrerin bemerkt dies. – „Ich sehe schon, dies ist etwas viel für die erste Stunde. Die Mathematik liegt nicht jedem. Am besten wir machen eine kleine Pause. In der Liebe und in anderen Bereichen des Lebens kommt man nur auf seine Rechnung, wenn man das Rechnen sein lässt.“ – Dem Jungen fiel ein Stein vom Herzen.

 

Rechnen wir mit dem Leben, es zahlt sich aus.

Gefällt Ihnen, was Sie lesen? Teilen Sie diesen Beitrag!

Artikel versenden